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Ivana Matić & Elpida Tsaousidis – Kopf, Herz, Schwelle
Ort: EMDE GALLERY - Mainz
Vom 14. März bis zum 16. Mai 2026 zeigt die Emde Gallery die Doppelausstellung „Kopf, Herz, Schwelle“. Die Ausstellung vereint neue Arbeiten von Ivana Matić und Elpida Tsaousidis, die sich mit Tradition, kulturellen Deutungsmustern und persönlichen Erinnerungssystemen auseinandersetzen
Während Ivana Matić bereits mit einer Einzelausstellung in der Galerie vertreten war, werden Arbeiten von Elpida Tsaousidis hier erstmals präsentiert.
Beide Künstlerinnen setzen sich in ihrem Werk mit Herkunft, Erinnerung und kultureller Prägung auseinander – miit Fragen also, die viele von uns betreffen und definieren: Woher kommen wir? Was prägt uns? Und wie finden wir in einer komplexen Welt Orientierung? Ivana Matić, 1986 im ehemaligen Jugoslawien geboren und aufgewachsen, und Elpida Tsaousidis, groß geworden in einer belgisch-griechischen Familie, bringen dabei ihre jeweils ganz eigenen biografischen Perspektiven ein. Im Zentrum der Ausstellung steht vor allem die Frage, wie wir unserer Welt Bedeutung geben, wie Rituale, Glaubenssysteme und Aberglaube unsere Wahrnehmung prägen – und wie sich innere Zustände, Ahnung und das Ungewisse in Zeichen, Mustern und Bildern manifestieren.
Titelgebend für die Ausstellung ist Ivana Matićs jüngste Serie „Kopf, Herz, Schwelle“ (2026). In filigranen Brandzeichnungen (Pyrographien) referenziert die Künstlerin das im Balkanraum verwurzelte Bohnenorakel (serbisch: falanje) – eine jahrhundertealte Praxis des Deutens von Formationen aus Bohnensamen, um Antworten auf zukünftige Entwicklungen oder existenzielle Fragen zu finden. Das Orakel erscheint hier nicht als irrationale Quelle von Eingebungen, sondern als Schnittstelle zwischen Alltag und Transzendenz. In einer Zeit, in der datenbasierte Algorithmen Prognosen berechnen und Wahrscheinlichkeitsszenarien modellieren, wirkt das traditionelle Bohnenlegen fast wie ein historischer Vorläufer oder gar wie eine Provokation gegenüber unserem heutigen Glauben an das digitale „Orakel“ unserer Gegenwart.
Ivana Matić greift diese Praxis des Wahrsagens auf und zeigt in ihrer achteiligen Serie unterschiedliche Konstellationen von Bohnen, die verschiedene Lebenswege symbolisieren. Die Arbeiten zeigen die klassische 3x3-Anordnung des Orakels: In der traditionellen Praxis werden 42 Bohnen in mehreren Schritten so lange ausgelegt, bis sich eine Struktur aus neun Feldern bildet. Diese Felder werden anschließend gedeutet und mit unterschiedlichen Lebensbereichen in Verbindung gebracht werden.
Die obere Reihe steht für den Kopf – Gedanken, Hoffnungen und das Schicksal; die mittlere für das Herz – unsere Emotionen, Beziehungen und das gegenwärtige Empfinden; und die untere Reihe symbolisiert die Schwelle – das Zuhause, das Materielle, die Grundlage der Existenz. Unterhalb dieser neun Hauptfelder erscheinen zusätzliche Konstellationen, die als ergänzende Deutungsfelder gelesen werden können. Sie erweitern die geometrische Ordnung um eine zweite Ebene der Interpretation, als mögliche Lesart des zuvor gelegten Musters.
Ivana Matić überträgt diese Strukturen in eine reduzierte, konzentrierte Bildsprache. Die weißen Bohnenformen treten aus einem dichten Geflecht aus Brandspuren hervor, das in langsamer, repetitiver Arbeit mit dem Brennstift entsteht. Bei näherer Betrachtung erkennt man die unzähligen feinen Linien, die die Oberfläche durchziehen und eine vibrierende Struktur erzeugen, aus der die Orakelformen hervortreten – fast wie kleine Inseln der Ordnung im Zufall.
Das Bohnenorakel erscheint hier weniger als folkloristische Praxis oder Volksaberglaube, sondern eher als kulturelle Technik der Sinnproduktion. Zwischen Zufall und Struktur, Ritual und Interpretation entstehen Bildräume, in denen sich das menschliche Bedürfnis nach Orientierung im Ungewissen manifestiert.
Zugleich verweist die zeitintensive Technik der Brandzeichnung und ihre fast meditative Arbeitsweise auf zentrale Aspekte in Ivana Matićs Praxis: Prozesshaftigkeit, Wiederholung, Konzentration und Langsamkeit. In einer von Schnelligkeit und digitaler Kommunikation geprägten Welt, setzt die Künstlerin bewusst auf eine entschleunigte Form des Arbeitens.
Ergänzt wird die Serie durch weitere Arbeiten, in denen Bohnen in ungeordneten Formationen erscheinen – mal als Haufen, mal über die Fläche verstreut – und erneut das Verhältnis von Ordnung und Zufall, von Setzung und Interpretation verhandeln.
Auf einem Sockel im Hauptraum der Galerie wird zudem eine Brandzeichnung einer auf dem Rücken liegenden, toten Taube präsentiert. Als Symbol des Friedens, als Botschafter oder religiös aufgeladenes Motiv ist die Taube kulturell stark codiert; als tote Taube kippt sie jedoch ins Unheimliche, Vorzeichenhafte, (Ver-)Störende. Gerade darin berührt die Arbeit das Thema Aberglaube und Projektion – die Frage, wie wir Dingen Bedeutungen zuschreiben und wie schnell sich alltägliche Wahrnehmung in etwas Symbolisches verschieben kann.
Auch in Elpida Tsaousidis Arbeiten geht es um Spuren, um das Sichtbarmachen dessen, was sich nur indirekt artikulieren lässt. Während Ivana Matić ein kulturell überliefertes Deutungssystem untersucht, richtet Elpida Tsaousidis den Blick stärker auf persönliche Erinnerungsräume und subjektive Wahrnehmung. Ihre künstlerische Praxis ist multidisziplinär und -medial. Sie umfasst Fotografie, Installation und Zeichnung und wird zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Ihre Arbeiten oszillieren dabei häufig zwischen Dokumentation und subjektiver Wahrnehmung.
Besonders deutlich wird dies in ihrer Fotoserie „False Whisper“. Die mystisch anmutenden Waldstücke und Raumausschnitte entstanden im Kontext eines Klinikaufenthalts. Individuelle Erinnerungsreste und traumhafte Sequenzen verdichten sich zu atmosphärischen Bildräumen. Durch gezielte Eingriffe in Farbe und Licht entwickeln die Arbeiten eine eigene, fast auratische Präsenz. Sie wirken, als seien sie aus dem gewohnten Raum-Zeit-Kontinuum herausgelöst und sich in neu konstruierten Wirklichkeiten zu bewegen – irgendwo zwischen Erinnerung, Traum und unmittelbarer Wahrnehmung. Fotografie wird hier zu einer Sprache, die versucht, etwas sichtbar zu machen, was sich nur schwer in Worte fassen lässt. Mystik erscheint nicht als religiöse Setzung, sondern als Erfahrung einer Grenze – als Zustand zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein.
Diese Ambivalenz setzt sich auch in ihren kleinen quadratischen Zeichnungen der Serie „I dreamt of Closed Curtains“ fort, die ebenfalls im Rahmen des Klinikaufenthaltes entstanden ist. Zu sehen sind Fragmente von Zäunen, Möbeln und Vorhängen. Auch ornamentale Motive von Geländern kehren immer wieder. In reduzierten, zugleich sorgfältig ausgearbeiteten Kompositionen werden diese unscheinbaren Elemente zu zentralen Bildträgern.
Die Arbeiten sind zu einem neunteiligen Tableau zusammengefügt, das den Blick auf formale Variationen lenkt und zugleich die 3x3 Anordnung des Bohnenorakels noch einmal subtil aufgreift.
Staub bildet ein weiteres zentrales Element im Werk der Künstlerin. In einer Bodenarbeit, präsentiert unter einer Haubenvitrine im Schaufenster der Galerie, überführt Elpida Tsaousidis ein ornamentales Teppichfragment in ein Staubrelief (ein Ausschnitt ihres 2023 im Rahmen der Ausstellung „Like a Virgin“ im Landesmuseum Mainz gezeigten Staubteppichs). Hier löst sich die Form aus der Zweidimensionalität der Zeichnung und manifestiert sich als flüchtige, plastische Setzung im Raum.
Der Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Staub liegt in einer persönlichen Erfahrung: Nach dem Tod ihrer Großmutter begann die Künstlerin, Staub aus deren Wohnung zu sammeln und aufzubewahren. Daraus entwickelte sich ein künstlerisches Interesse an Staub als Material – nicht nur als Spur des Vergangenen und als Träger von Erinnerung, sondern auch als Sinnbild von Transformation und zukünftigen Entwicklungen.
Die Arbeit „Meshes of a Universe“ führt diesen Gedanken weiter: Staub wurde von der Künstlerin zu Garn versponnen und zu einem runden Knäuel gewickelt. En Wollknäuel markiert üblicherweise einen Anfang, etwa den Beginn einer Strickarbeit. Staub dagegen steht für das Ende, für das, was bleibt. In diesem Wechselspiel zwischen Anfang und Ende, Prozess und Stillstand, entsteht ein stilles, poetisches und zugleich sehr eindringliches Bild von Zeit.
Obwohl Ivana Matić und Elpida Tsaousidis mit unterschiedlichen Medien arbeiten, weisen ihre Positionen zahlreiche Berührungspunkte auf. Beide beschäftigen sich – auf je eigene Weise – mit Fragen von Glauben, Erinnerung und kultureller Prägung. Sie zeigen auf, wie wir Zeichen lesen und wie aus scheinbar Alltäglichem, einer Bohne oder Staub, plötzlich etwas Symbolisches oder Bedeutungsvolles entstehen kann – oder anders gesagt: wie Menschen versuchen, Ordnung und Bedeutung in einer komplexen Welt herzustellen – sei es durch Rituale, durch persönliche Erinnerungsarbeit oder durch die stille Beobachtung von Dingen und Orten.
Die VERNISSAGE findet am Freitag, den 13. März 2026, von 18 bis 20:30 Uhr statt – ein Datum, das auf subtile und humorvolle Weise auf das Thema verweist. Zur MIDISSAGE am 18. April 2026 wird die Ausstellung neu gehängt: Wie beim erneuten Werfen der Bohnen verschieben sich die Verbindungen und Bedeutungen werden neu lesbar.
ERÖFFNUNG der Ausstellung: Freitag, 13. März 2026, 18-20:30 Uhr
MIDISSAGE & REHANG: Samstag, 18. April 2026, 12-16 Uhr, ARTIST TALK um 13 Uhr
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